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Hauptwildfuhr der oberen Pfalz

Quelle: Die Oberpfalz / Ausgabe Januar/Februar 2004 / 92. Jahrgang / ISSN 0342-9873

  

Von der "Hauptwildfuhr der oberen Pfalz"

Von Heribert Batzl

Aus Gumpenhofen wurde Hirschwald

Inmitten des Staatsforst Hirschwald, der sich über viele tausend Tagwerk von der ehemaligen Bahnlinie Amberg-Lauterhofen im Norden, im Westen von einer Linie Mendorferbuch-Erlheim, im Süden durch die Lauterach die Vils erstreckt, lag einst das Dorf Gumpenhofen ("bei den Höfen des Gumpo").

Der dort ansässige Adel erscheint erstmals 1112 mit Marchwart von Gumpenhof und 1143 sind Gebehardus de Gumpenhofen und 1149 Udalricus der Gumpenhofer mit anderen Adeligen Zeugen in Urkunden des Klosters Ensdorf, das bereits um 1150 Besitzungen im Dorf besaß.

Der dortige Ortsadel scheint gegen Ende des 15.Jahrhunderts seinen Sitz aufgegeben zu haben; denn 1493 wird ein Hans Gumpenhofer als Bürger von Amberg erwähnt.

Von entscheidender Bedeutung war das Jahr 1513, in dem Pfalzgraf Friedrich 11. Administrator der oberen Pfalz wurde und seinen Wohnsitz in Amberg nahm. Als leidenschaftlichem Jäger galt sein besonderes Interesse dem großen landesherrlichen Waldgebiet mit seinem großen Wildbestand im Süden seiner Residenzstadt.

Bei seinen Planungen mag ihm das Dorf Gumpenhofen wegen des zu befürchtenden Wildschadens und der zu erwartenden Wilddiebereien lästig gewesen sein. So erwarb er allmählich alle Anwesen in Gumpenhofen zu freiem Eigentum des Kurfürsten und legte sie mit Ausnahme der Kirche nieder. Schon 1545 heißt es in einem Schriftstück "Gumppenhof yetzt zum Hirschwald". Neben der Kirche entstand ein Jagdhaus, von dem 1569 berichtet wird: "ist zuvor ein Dorf, auch dann ein Pfarrkirchen (!), dann 3 Höf und 7 Güter gewest und hat zum Gumppenhoff geheißen".

Zur Sicherung gegen räuberische Überfälle umgab der Kurfürst das Jagdhaus mit einer Ringmauer mit vorgelegtem Graben.

1538 fand bereits eine große Jagd im Hirschwald statt. Das Jagdhaus erwies sich in der Folgezeit bald zu klein, so daß an eine Erweiterung. gedacht werden mußte. Man fand eine Lösung, indem man im Dachboden der Kirche neuen Wohnraum fand, der durch einen gedeckten Gang mit dem Jagdhaus verbunden war.

 

Dorfansicht

  Zeichnung: Walter Niedl

 

 

Schlössl

Abriß des Jagdhauses von 1737

(Vorder- und Seitenansicht).

 

Verkleinerte Wiedergabe aus dem

Hofkammerakt Nr. 3432 des

Staatsarchivs Amberg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeichnung:

Anton Dollacker

 

 Bald jedoch dürfte sich auch das Bedürfnis nach einem landwirtschaftlichen Betrieb sowie nach Nebengebäuden gezeigt haben. So entstanden vor dem Schloßbergring zwei Meierhöfe. 1569 amtiert ein eigener Förster mit Dienstwohnung im Hirschwald. So entstand ein großes Wildgehege, von dem der Pfleger von Rieden 1786 als der "Hauptwildfuhr der oberen Pfalz" sprach.

 

Die Untertanen

 

Als Anrainer der kurfürstlichen Wildfuhr Hirschwald waren die Gemeindebürger zu Waidwerkscharwerk im besonderen Maße herangezogen. Da mußten die Wagen mit dem Jagdgerät gefahren, Treiberdienste oft bei ungünstigster Witterung geleistet, erlegtes Wild abtransportiert werden. Mochten diese und andere Dienste lästig genug sein, die mühevolle Bauernarbeit wurde immer wieder durch das übermäßig im Hirschwald gehegte Rot- und Schwarzwild empfindlich beeinträchtigt, und Abwehr gab es so gut wie keine, es sei denn, daß die betroffenen Bauern zur Selbsthilfe griffen und sich der Bestrafung als Wilddiebe aussetzten.

 

Aber auch wildernde Hunde konnten ein Strafgrund sein, und noch zu Ende des 18.Jahrhunderts bedrohte die Amberger Regierung den Hundehalter mit Strafe, der das Tier, ohne es "geprügelt" zu haben, d.h. ohne mit einem am Halsband befestigten schweren Holzprügel, frei laufen ließ.

 

In diesem Zusammenhang verdient auch die Jagd erwähnt zu werden, welche – da mit größerem Aufwand verbunden – mehr als übliche Lasten zur Folge hatte: die Jagd auf Wölfe. Der 30jährige Krieg hatte dem gefährlichen Raubwild zu einer unerwünschten Schonzeit verholfen. Die Folge war eine erhebliche Vermehrung und damit die Gefährdung des zu hegenden Wildbestandes. Wölfe aber wuchsen sich zur Landplage aus und wurden für die Bevölkerung eine Gefahr für Leib und Leben. Deshalb kam es in der 2. Hälfte des 17.Jahrhunderts zu ausgedehnten Wolfsjagden, bei denen für erlegte Tiere ein ansehnliches Schießgeld bezahlt wurde. Die erste große Wolfsjagd fand im Jahre 1650 im Hirschwald statt, wozu in den einzelnen churfürstlichen Pflegämtern die erforderlichen Jagdhelfer aus der Bevölkerung aufgeboten wurden. Dazu sollte z. B. das Hofkastenamt Amberg 60 und Kloster Ensdorf 30 Mann stellen, insgesamt aber 400 Mann aus mehreren Pflegeämtern.

 
 Lageplan von Hirschwald
 

Lageplan von Hirschwald nach einer Zeichnung des Baukommissärs von Löw 1737

Im Staatsarchiv Amberg.

 

Man kann sich unschwer vorstellen, wie "begeistert" diese aufgebotenen Jagdhelfer waren, die wegen der Strapazen der Jagd nur ungern kamen und in der fraglichen Zeit oft wichtige persönliche Angelegenheiten nicht erledigen konnten. Sie hatten es folglich mit ihrem Kommen gar nicht so eilig, warteten lange aufeinander, und wenn die Entfernteren nicht kamen, brauchten sich die Bauern aus der Nähe nicht zu beeilen.

 

Im Grunde genommen hatten die Bauern gegen die Wölfe nicht allzuviel einzuwenden und mochten in ihnen, die den übermäßig gehegten Wildbestand dezimierten, sogar eine Art Beschützer ihrer Felder sehen, denen Schwarzwild, Hirsch und Reh gewaltig zusetzten, von Frühjahr bis zur Erntezeit sogar gelegentlich Nachtwachen nötig machten. Im Hirschwald dürfte es sich um 850 Wölfe gehandelt haben, denen man zu Leibe rückte. Die Wolfsjagd erforderte eine besondere Vorbereitung: Um die Fährten gut ausmachen zu können, wählte man die Zeit, in der Neuschnee lag. Die beorderten Untertanen – es sollten wohl gewachsene starke Leute und Buben sein – waren mit Wolfsspießen und Heugabeln versehen und sollten, da die Jagd 3 bis 8 Tage dauerte, ihr Brot selber mitbringen. Hunde sah man bei der Wolfsjagd nicht gerne, doch mußten später Hirten und Schäfer, welche über taugliche "Schafrüden" verfügten auch diese mitbringen. Nahe der Wildfuhr legte man sogenannte Feuerstätten, wohl größere Schuppen mit einer Feuerstelle an, wo sich die Mannschaft vor der Witterung schützen konnte und Gelegenheit zum Essen hatte.

 

Die eigentlichen Jagdvorbereitungen hatte man schon im Herbst getroffen mit der Räumung der Richtwege, die zum Luderplatz führten, so daß die Wölfe bequem traben konnten, ihre Fährte aber bei Neuschnee umso leichter zu finden war, eine Arbeit, die durch Untertanen der Ämter Amberg und Rieden zu erledigen war. Dabei war es wichtig, die Wölfe zeitig an die Luderplätze zu gewöhnen, wo man während des Jahres bereits eingegangene Schweine, Schafe, Kälber usw. gelegt hatte. Die Untertanen sollten die Tierkadaver zwar gegen Bezahlung auf die angewiesenen Plätze liefern, fanden diese Prozedur aber zu umständlich und warfen sie den Verboten zum Trotz einfach in der Nähe des Dorfes weg. Deshalb erhielten die Hirten den Auftrag, Tierleichen mit den Gespannen der Besitzer an Ort und Stelle zu transportieren, umso mehr als man die Wölfe nicht an ihren Luderplatz gewöhnen konnte. Deshalb sah man immer wieder nach, ob sich die Tiere an die Plätze gewöhnten.

 

Die Netze, deren man sich bei der Wolfsjagd bediente, hatte lange Zeit der Wirt Hans Rubenbauer von Gärmersdorf zu fahren, wofür er ein Tagegeld von 2 Gulden bekam.

Die Wölfe wurden, wobei man, um sie zu schrecken, kräftig geschossen wurde, in einen Kessel getrieben, dort aber nicht niedergeschossen, sondern mit der Stichwaffe getötet.

Im Hirschwald führte ein Forstmeister strenge Aufsicht über das ihm anvertraute Revier. Seine Wildstandsmeldungen setzten aber oft einen wesentlich geringeren Bestand an, als die geschädigten Untertanen glaubten. Wenn der Forstmeister 1797 ungefähr 85 Hirsche und 48 Sauen meldete, so waren im Juni des gleichen Jahres die Bauern der umliegenden Dörfer anderer Meinung. Überhaupt scheint zu diesem Zeitpunkt ihre Geduld ein Ende gefunden zu haben.

 

Am 11. Juni 1797 beschwerten sich in einem Schriftstück an den geheimen Rat in München sämtliche Hofkasten- und Spitalamts-Ambergische, dann Stift Ensdorfische Untertanen von Götzendorf, Altenricht, Hiltersdorf, Haselmühl, Köfering, Haag, Ullersberg, Ober- und Unteleinsiedel, Rückertshof, Bittenbrunn, Salieröd, Gungelsdorf, Richtheim, Gailoh, Garsdorf, Erlheim, Inzelsberg und Theuern, ferner Ensdorf, Wolfsbach, Eggenberg, Kreith, Palkering, Engelsheim, Thanhausen und Halching. Das Bild, das sie in ihrer Beschwerde entwarfen, zeigt eine ernste Notlage: In ihrer Gegend, so führten sie aus, sei das Wild so häufig, daß 10, 15 und mehr Stück miteinander aus dem Walde herauswechseln und sich auf ihre mit Getreide und Schmalsaat angebauten Felder und auf ihre Wiesen begeben und großen Schaden anrichten, da doch das Rotwild im Frühjahr, wenn der Schnee geschmolzen ist, auf den Feldern den Samen wegfrißt, auch in den Wäldern von den jungen Büschen die Rinde abnagt, so daß diese verdorren müssen. Vom Eichreis beißt das Rotwild ebenfalls die Gipfel ab, daß sie nicht mehr gedeihen können. Das Schwarzwild macht einen noch größeren Schaden, indem es die Kartoffelfelder und auch die in dem Wildbann gelegenen Wiesen aufwühlt, da doch die Frucht der Erdäpfel für den Bauersmann und seine Leute der notwendigste Artikel ist, weil er sich damit meist nähren muß. Wenn auch jeder der Bauern 3, 4, ja 5 mal immer wieder Erdäpfel nachgestoßen, so war das vergebliche Arbeit, weil sie vom Schwarzwild immer wieder ausgegraben wurden und da durch das Wühlen dieses Wildes auch die Wiesen ruiniert werden, kann der Bauer aus Mangel an Fütterung kein Jungvieh „nachziegeln“. Auch in die Getreideäcker pflegt das Schwarzwild einzurennen und große Flächen umzuwühlen; dadurch hat auch das Churfürstliche Aerarium (Staatskasse) großen Schaden, weil ja die Bauern vom Getreide und den Schmalsaatfrüchten den Zehent geben müssen, und wenn sie nichts ernten, fällt auch kein Zehnt ab.

 

Bei solcher Lage der Dinge würden sie mit ihren Weibern und Kindern Bettelleute werden, wenn ihnen nicht die höchste landesfürstliche Hilfe zuteil würde dadurch, daß entweder dem Obristforstmeisteramt Amberg der Auftrag erteilt werde, das so zahlreiche Wild bis auf eine mäßige Anzahl niederzuschießen, oder aber ihnen selbst die Erlaubnis gegeben werde, das auf ihre Äcker und Wiesen hereinwechselnde Wild niederzuschießen und solches dann dem Obristforstmeisteramt einzuliefern, denn Pro primo: wenn sie auf ihren Feldern auch Tag und Nacht wachen, so sind sie doch nullo modo (keineswegs) imstande, das Wild von den Früchten fernzuhalten, da sie weder einen Schreckschuß abgeben noch durch ein kleines Hündlein das Wild verjagen dürfen, wenn sie nicht in einen

 

 

Kirche in Hirschwald

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeichnung:

Walter Niedl 
Kirsche von Hirschwald

 

Civil- oder gar Malefizprozeß verwickelt werden wollen. Secundo: Wenn die Churfürstliche Durchlaucht durch einen Commissär den angerichteten Flurschaden einsehen und abschätzen lassen wollte, so würde sie sich überzeugen können, daß sie nicht übertrieben haben. Die Commissionskosten würden sie gerne bestreiten, wenn sie nur dazu imstande wären, aber sie seien von den Franzosen völlig ausgeraubt worden und zuletzt haben sie durch eine Viehseuche noch fast all ihr Vieh eingebüßt und seien sie also schon völlig ausgesaugt und verarmt...

 

Was die Ensdorfischen Untertanen noch als besonders druckend empfanden, war eine vom 15. Mai bis 24. Juni befristete Waldsperre, die sie hinderte, in der fraglichen Zeit in ihre eigenen Waldungen um Holz oder Rechstreu zu fahren, wodurch sie aus Mangel an Dünger gehindert wurden, ihre Felder zu düngen. Ein Attest des Ensdorfer Klosterrichters Johann Mathias Gartner vom 7.Juni 1797 unterstreicht die von den Beschwerdeführern vorgebrachten Argumente und nimmt noch im Besonderen auf die französische k. k. Truppen und die Viehseuche Bezug.

 

Auch bei der Amberger Regierung war man sich des Ernstes der Lage durchaus bewußt. Freiherr von Aretin, Regierungsrat und in Lehenssachen abgeordneter Kommissarius, befürwortete deshalb nicht nur die Eingabe, sondern schloß sein Schreiben: „Diese Leute sind durch die französischen Invasionen und Viehfälle ohnehin äußerst damnificirt; kommt nun die Vereitlung ihrer jährlichen Lebsucht auch noch dazu, so ist sich leicht vorzustellen, was am Ende erfolgen müsse“

 

 

Unteres Tor

  Unteres Tor                                                                                                  Zeichnung: Walter Niedl

 

 

Das Ende

 

Der Dreißigjährige Krieg brachte nicht nur das Ende der großen Jagden, sondern leitete das Ende der großen Wildfuhr ein. Das Jagdhaus, ehedem Mittelpunkt, verfiel im Laufe der Jahre, so daß eine „Spezifikation der kürfürstlichen Häuser“ 1628 feststellt, daß es bei den Kriegszeiten und da die fürstlichen Gemächer leer stehen, etwas in Abgang kommen und baufällig geworden sei.

Zunächst verkaufte der Staat die beiden Bestandshöfe mit allen Zugehörungen, die Nebengebäude, so daß nur noch das „SchlößI“, Kirche, Forsthaus, Zehentstadel und zwei Schloßgärten in Staatsbesitz blieben.

Als 1733 Forstmeister Karl Huber das ehemalige Jagdhaus erwarb, kaufte er praktisch nur noch einen Schutthaufen, bei dem eine bauliche Wiederinstandsetzung sich nicht lohnte. So blieben von der Siedlung Hirschwald nur noch Kirche und Forsthaus Staatsbesitz.

1803 wurde im Zuge der bayerischen Forstorganisation das Forstmeisteramt Hirschwald aufgehoben und Forstmeister Franz Josef von Huber nach Viiseck versetzt, die Nachfolge übernahm ein Revierförster.

 

 Quellen: Akten des Staatsarchivs Amberg - Zitzelsberger, Geschichte des Klosters Ensdorf von der Gründung bis zur Aufhebung in der Reformation 1121-1525. - Anton Dollacker, Geschichte des Schlosses und Dorfes Hirschwald und seines Vorläufers Gumpenhof (Manuskript).

 

Wiedergabe der Zeichnungen (Niedl) mit freundlicher Genehmigung von Frau Niewierra, geb. Niedl, Amberg.

 

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